Leseprobe "Lost Wood - Haunted"

Kapitel 1


eder Schritt, den wir auf den Pfaden des Lebens bestreiten, führt uns unweigerlich unserem Schicksal entgegen. Wir können uns vormachen, dass wir unser Leben selbst bestimmen, dass wir emanzipiert voranschreiten, uns nicht von äußeren Umständen beeinflussen lassen, aber wenn wir das glauben, hängen wir einer Lüge nach. Und nichts ist schlimmer, als eine Lüge zu leben. Zumindest für mich.
Deshalb bin ich heute Nachmittag in den Wald gegangen. Weil ich die Lüge abschütteln wollte, weil ich unabhängig und stark sein wollte. Etwas beitragen wollte.
»Ist es noch weit, Mommy?«
Säuerlich verzog ich das Gesicht, als ob ich auf eine Zitrone gebissen hätte. Aber ich wünschte mir, es vielleicht alleine getan zu haben.
Faith sprang aufgeregt vor mir auf und ab, um einen Blick auf das Schild werfen zu können, das vor mir in den Boden gerammt worden war. Das Schild strahlte Widersprüchlichkeit aus. Unbehandeltes Holz, so ungeschliffen wie die Natur hier oben in den Bergen North Carolinas, und doch stand ich vor einer filigranen Arbeit, die den Weg zu Keenan O’Brian wies. Zarte Schnörkel, die mit liebevoller Hand, aber mit Tatkraft dem Material abgerungen waren. Markant schienen sie sich in die Materie gefressen zu haben, und doch wirkten sie so feingliedrig, dass mich das Gefühl überkam, ein Kunstwerk vor mir zu haben. Grob und ekstatisch zugleich. Zögerlich trat ich einen Schritt vor, wollte jede Verzierung mit dem Finger nachfahren, doch die Angst, die Arbeit mit der Unwissenheit einer nicht vorhandenen Kunstbegabung zu zerstören, ließ mich meinen Arm wieder senken. Nein, ich war nicht hier, um O’Brians Arbeit zu bewundern, das würde ich noch früh genug können. Wenn ich bekam, was ich wollte.
»Ich habe keine Ahnung, Schätzchen«, murmelte ich und riss mich von der Studie des Schildes los. Die Aufschrift Carpenter, die mich so sehr faszinierte, wurde von einem Pfeil untermalt, der naturgetreu ins Holz gearbeitet worden war, dass es so aussah, als wäre er einfach aufgeklebt. Aber wenn man genau hinsah, erkannte man, dass die Schnitzerei direkt aus dem darunter liegenden Holz gefertigt worden war. Eine perfekte optische Täuschung. Schier unglaublich. Keenan O’Brian war ein Künstler und genau das, was Missy Caldwell, Faiths Klassenlehrerin, vorschwebte. Ms. Caldwell plante eine Theateraufführung der ersten Klasse und hatte etwas ganz Besonderes im Sinn: Shakespeares Sommernachtstraum. Definitiv kein Stoff für Kinder. Absolut schleierhaft diese Entscheidung. Aber gut, ich wollte mich mehr im sozialen Leben von Marshall einbringen, also hatte ich mich freiwillig gemeldet, den griesgrämigen Künstler aufzusuchen und ihn darum zu bitten, eine Kulisse für das Schultheater anzufertigen. Die anderen Eltern tuschelten hinter vorgehaltener Hand und flüsterten, dass dies keine gute Idee war, die Neue in die Berge zu schicken, zumal Mr. O’Brian offensichtlich nicht für seine Umgänglichkeit bekannt zu sein schien. Aber meine große Klappe und die gerade erfolgreich hinter mich gebrachte Flucht vor Faiths Vater trieben mich dazu, mich freiwillig zu melden. Letztlich führten die Warnungen und das Getuschel der anderen Eltern nur dazu, dass ich noch entschlossener verkündet hatte, Mr. O’Brian den guten Zweck schmackhaft zu machen. Denn Geld, um ein neues Bühnenbild zu bezahlen, besaß die Schule keines.
Als ich jedoch vor dem Schild stand und die Arbeit entsetzt musterte, wurde mir klar, dass dies eine ganz blöde Idee gewesen war. Jemand, der so wundervolle Schnitzereien anfertigte, würde wohl kaum ein Bühnenbild für eine dumme Theateraufführung der örtlichen Elementary School erstellen. Zudem noch völlig kostenlos. Wie konnte ich nur so … bescheuert sein? Ich sollte Faith nehmen und einfach wieder nach Hause gehen, mich für meinen Enthusiasmus entschuldigen und …
»Mommy, komm, da hinten steht ein Haus«, hörte ich Faiths Stimme von irgendwo weit weg. Verdammt, wo steckte sie? Statt mich mit den Konsequenzen meines vorlauten Mundwerks zu beschäftigen, hätte ich lieber auf meine siebenjährige Tochter aufpassen sollen. Schließlich wohnten wir erst seit ein paar Monaten in Marshall und sie kannte sich in der Gegend noch nicht aus, geschweige denn im Wald. Überall Bäume. Wohin man in Marshall auch kam, die ganze Stadt bestand nur aus Bäumen.
»Schätzchen, wo bist du? Bleib bitte in meiner Nähe«, rief ich meiner Tochter hinterher, ließ das Schild links liegen und wandte mich in die Richtung, in der ich ihre Stimme vermutete.
»Hier, Mom. Komm her, das Haus ist krass.« Dieses Kind brachte mich um den Verstand. Sobald sie etwas Interessantes entdeckte, stürzte sie wie eine Irre hinterher, vergaß alles um sich herum und dachte nur noch an ihre Entdeckung. Eigentlich eine wundervolle Charakteristik, so kindlich, so lebhaft, mein kleiner Sonnenschein. Aber manchmal trieb sie mich in den Wahnsinn. Vor allem dann, wenn ich lieber den Rückzug antreten wollte. Doch als ich dem Waldpfad folgte und schließlich ihrer Stimme nachgehend auf eine sonnendurchflutete Lichtung trat, stockte mir der Atem. In Faiths Augen war jeder gewöhnliche Käfer einen Ausruf des Erstaunens wert, aber diesmal übertrieb sie kein bisschen. Das Haus glich einem Meisterwerk. Keinesfalls verwunderlich, wenn ich an das kunstvolle Hinweisschild dachte. Wenn Mr. O’Brian schon so viel Zeit in einen simplen Wegweiser investierte, sollte mich das Haus nicht überraschen.
Auf in den Waldboden getriebenen Stämmen stand ein achteckiges flaches Haus mit einer umlaufenden Veranda, großen Fenstern und einer doppelten Eingangstür. Die Veranda umzäunten geschälte Stämme. Dünnes Astwerk bildete die Absperrung. Das ganze Haus sah aus, als wäre es einmal mit Baumrinde umfasst worden und wirkte daher fast wie ein Baumstumpf, den man mit einem Dach krönte. Nur die Fenster sparte der Erbauer aus. Das flache Dach bedeckte hölzerne Schindeln, darunter konnte ich noch eine Art Schilf oder Reet ausmachen. Alles in allem wirkte das Dach sehr solide, ach was, das ganze Haus wirkte wie ein breiter Baum und fügte sich nahtlos in die waldige Umgebung ein.
Der Erbauer hatte die Lage so gewählt, dass dieses Haus an einem kleinen Hang lehnte, sodass der hintere Teil auf der Erde stand, während die Vorderseite auf mehreren Stämmen thronte. Seitlich verbreiterte sich die Veranda und ich vermutete, dass sich dort ein paar Sitzgelegenheiten befanden, die dazu einluden, abends auf den Bachlauf hinunterzublicken und den Sonnenuntergang zu genießen. Unter dem Haus lagerte Mr. O’Brian stapelweise Feuerholz. Außerdem erspähte ich einen Spaltblock, Äxte und anderes Werkzeug. Das konnte aber unmöglich dazu gemacht sein, um filigrane Schnitzarbeiten anzufertigen. Die Ausrüstung eignete sich eher für gröbere Arbeiten. Je länger ich das Haus betrachtete, desto sicherer war ich mir: Hier lebte jemand, der eine tiefe Verbundenheit mit der Natur pflegte. Und ich kam mir vor wie ein Eindringling, der diese Ruhe störte. Besser, wir gingen einfach wieder, bevor uns der Besitzer dieses Einods bemerkte.
»Faith«, rief ich nach meiner Tochter, die bereits die Eingangstreppe erklomm. Ihre blonden Locken hüpften auf und ab, als sie jede Stufe einzeln hinaufsprang. »Ich glaube, es ist niemand zu Hause. Komm, lass uns ein andermal herkommen.«
Als sie den oberen Treppenabsatz erreichte, drehte sie sich mit verschränkten Armen zu mir. »Aber, Mommy«, beschwerte sie sich lautstark, sodass man uns eigentlich gar nicht überhören konnte. Zornig schob sie die Unterlippe hervor, doch dann änderte sich schlagartig ihr Gesichtsausdruck. Ein Hauch Teufelchen zuckte über ihr Engelsgesicht. Verwundert runzelte ich die Stirn.
»Faith …« Drohend blickte ich meine Tochter an, als ein Windhauch meinen Nacken streifte.
»Das sollten Sie lieber lassen«, raunte eine tiefe, raue Stimme hinter mir. Erschrocken schrie ich auf und machte einen Satz nach vorne. Doch entsetzt stellte ich fest, dass meine Füße in der Luft baumelten und irgendetwas mich hielt. Erst mit einiger Verspätung registrierte mein Verstand, dass ich gegen eine starke Brust gedrückt wurde und nur deshalb in der Luft zappelte, weil mich jemand an der Taille packte. Das konnte nur O’Brian sein.
»Lassen Sie mich runter.«
»Wirklich? Da runter?«, verspottete er mich. Ich blickte nach unten. Erst jetzt merkte ich, dass ich beinahe in einen Abgrund gefallen wäre. Unter mir tat sich eine schmale Schlucht auf. Das Rauschen des Waldes überlagerte das Plätschern des kleinen Bachlaufs. Die Schlucht war nicht tief, aber der Gedanke, dass Faith alleine über diesen Steg zum Baumhaus gelaufen war, ließ mich den Fremden – O’Brian – fast vergessen.
»Nein, natürlich nicht. Bitte auf die Brücke.«
Die Brust in meinem Rücken hob und senkte sich in kurzen Abständen, als er tief lachte. Der Laut klang keineswegs freundlich, eher überheblich und sehr herablassend. »Meine Tochter ist da oben, bitte«, beklagte ich und kam mir dabei ein klein wenig jämmerlich vor. Aber wenn es um Faiths Sicherheit ging, hätte ich sogar gebettelt.
Sein Lachen erstarb abrupt. »Natürlich. Ihr … sorgt euch immer um euren Nachwuchs.« Doch statt mich einfach auf die schmale Brücke zu stellen, trug er mich über die Schlucht die kleine Anhöhe hinauf bis zum Fuße der Treppe, an deren oberen Ende meine Tochter stand und uns mit einem Blick musterte, den sie sonst nur für den Weihnachtsmann übrighatte. Blankes Entsetzen löste das teuflische Grinsen ab. In Gedanken machte ich mir eine Notiz. Solche Momente, der nie um eine Antwort verlegene Nachwuchs, sprachlos entsetzt, sollte man sich als alleinerziehende Mutter gut einprägen. Davon zehrte ich Wochen. Doch leider brachte mich O’Brian dermaßen aus dem Konzept, dass die Freude über Faiths Entsetzen nur von kurzer Dauer war. Dass er mich mit einem Arm – und das wurde mir wahrlich erst jetzt bewusst – herumtrug, konnte sie doch nicht dermaßen schockiert haben, dass … Noch während mir klar wurde, dass seine Mutter zu sehen, wie sie von einem Wildfremden herumgetragen wurde, tatsächlich eine Siebenjährige schockieren könnte, drehte ich mich um und … bemerkte, wie mein Kiefer aufklappte und in der Stellung verhakte. Mit offenem Mund starrte ich Mr. O’Brian an.
Als die anderen Eltern hinter vorgehaltener Hand von Keenan O’Brian sprachen, erwartete ich einen Mann im mittleren Alter, untersetzt, dicker Bauch und äußerst mürrisch auf Eindringlinge reagierend. Ich musste meine Einschätzung dringend korrigieren. Bis auf seine mürrische Reaktion stimmte das kein bisschen. Grimmig zusammengezogene Augenbrauen musterten mich mit unverhohlenem Interesse. Unter den dunklen Wülsten starrten mich zwei tiefschwarze Augen an, die unübersehbar Feindseligkeit ausstrahlten. Seine markante Nase toppte ein ausgeprägter Rücken und sein Mund … O mein Gott. Würde er mich etwas weniger so herausfordernd ansehen, würde ich mich tatsächlich danach sehnen, die Fähigkeiten dieser sinnlich geschwungenen Lippen zu preisen, aber er benutzte sie stattdessen, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Nein, er zog sie zu einem herablassenden Grinsen zurecht. Tiefschwarzes Haar bändigte ein zweckmäßiges Haarband. Ein paar Strähnen hingen ihm wirr ins Gesicht und ließen mich darauf schließen, dass es ihm in offenem Zustand vermutlich bis auf die Schultern reichte. Dieser Mann verkörperte die fleischgewordenen Fantasien schlafloser Nächte und dann … zerstörte er seine überwältigende Erscheinung, indem er mich unsanft beiseite stieß.
»Hey!«, empörte ich mich und stemmte wütend die Hände in die Hüften. Keenan O’Brian überragte mich um mindestens zwei Köpfe.
»Sie sollten auf Ihr Balg achtgeben«, knurrte er, stapfte die Treppe hinauf und klemmte sich Faith unter den Arm, als würde sie nichts wiegen. Meine Tochter quietschte begeistert. Entsetzt riss ich die Augen auf, keineswegs wissend, ob ich mich über seine Bezeichnung für meine Tochter, die unsanfte Behandlung derselben oder den Schubser beschweren sollte. Ich schwankte noch, als er die Treppe wieder herunter donnerte, Faith packte und sie mir wie ein nasses Kätzchen entgegenhielt. »Nehmen Sie. Und dann gehen Sie. Das ist Privatbesitz.« Faith stieß ein freudiges Glucksen aus und wand sich in seinem Griff.
»Das kitzelt.« Mr. O’Brian zog angewidert eine Augenbraue hoch. In seiner Mimik wechselten sich Ekel und Angst ab. Angst? Vor einem kleinen Mädchen? Innerlich kicherte ich auf. Und mir kam eine Idee. Eigentlich sollte ich ihn verbal zurechtstutzen, dann meine Tochter nehmen und verschwinden. Der Mann strahlte eine undefinierbare Härte aus, glich in seiner Größe einem Baum und wirkte sehr gefährlich, aber eine Siebenjährige überforderte ihn.
»Das werde ich, nachdem Sie mir zugehört haben.« Ich nahm meine Tochter entgegen und stellte sie auf die erste Treppenstufe. Faith machte ein enttäuschtes Gesicht, doch ich schüttelte unmerklich den Kopf, nahm ihre Hand und schob sie hinter mich. »Sie sind doch O’Brian?«
Der Mann wandte mir den Rücken zu und ging zur Haustür. »Wer denn sonst? Ich muss Ihnen mitnichten zuhören. Sie verlassen unverzüglich meinen Besitz.«
Empört zuckte ich zurück. Was stimmte denn mit dem nicht? Das Getuschel der anderen Eltern im Ohr, lief ich die Treppe hinauf. So leicht würde ich mich unter keinen Umständen abschütteln lassen. »Mr. O’Brian, ich brauche nur einen Moment Ihrer Zeit. Ich möchte Ihnen nur von einem Schulprojekt erzählen, bei dem Sie Faith und Ihre Klasse unterstützen können …«
»Nein!« Er stapfte ins Haus. »Ich mische mich nie in die Angelegenheiten der Stadt ein. Gehen Sie endlich, Sie stören.« Er ließ mich einfach stehen und verschwand im Inneren, doch die Tür blieb offen, was ich als Einladung, ihm zu folgen, verstand. Also eilte ich hinterher, meiner Tochter warf ich einen warnenden Blick über die Schulter zu, doch sie interessierte sich viel mehr für die Einrichtung der Hütte. Zugegeben, die Ausstattung beeindruckte mich. Staunend blieb ich in dem achteckigen Raum stehen.
Gegenüber dem Eingang stand ein kleiner Holzofen mit einem gemauerten Schornstein. Sonnenlicht drang durch eine riesige Terrassentür ein, die auf eine kleine Veranda mit drei geschnitzten Stühlen und einem niedrigen Tisch führte. Neben der Terrassentür befanden sich eine Küchenzeile, ein Spülbecken und ein paar Einbauschränke. Gekocht wurde offensichtlich auf dem Holzofen. Auf der anderen Seite des Ofens nahm ein Zweisitzer ein weiteres Achtel des Raumes ein und daneben diente ein großer Tisch mit vier Stühlen und einer Bank als weitere Sitzgelegenheit. Überall lagen Teppiche sowie Felle und verliehen dem Holzboden ein heimeliges Ambiente. Doch der Schlafbereich über dem Eingang unter der niedrigen Decke, den man über eine schmale Stiege erreichen konnte, beeindruckte mich am meisten. Im ganzen Raum verteilt hingen Laternen, die das Innere der Hütte in warme Helligkeit tauchten, obwohl genug Tageslicht durch die großen Fenster einfiel. Weiter hinten gab es noch einen Bereich, der O’Brian als kleine Werkstatt diente. Auf die Schnelle erkannte ich einen Holzblock und diverses Werkzeug. Späne und allerlei Holzabfälle wiesen darauf hin, dass er erst kürzlich dort gesessen und gearbeitet hatte. Alles in allem empfand ich die Hütte als ein richtiges, wohnliches Zuhause.
Er lief zum Ofen und stapelte Holz daneben, das er aus einem Umhängesack holte, den ich völlig übersehen hatte. Die Scheite nahmen kein Ende. Immer mehr feuchtes Holz schichtete er neben dem Ofen auf. Beim Anblick der Stapel wurde mir bewusst, wie stark er sein musste. Ich würde bei nur einem drittel Holz schon zusammenbrechen, aber er hatte neben der Tasche noch mich getragen. Himmel, war der Typ stark. Große Männer erzeugten bei mir keine Angst. Mutig trat ich einen Schritt vor.
»Sie würden damit die Schule unterstützen, etwas Gutes tun, den Erstklässlern helfen und ganz nebenbei Ihren Ruf verbessern«, setzte ich mit einem spitzen Unterton nach. Bei seinem Aussehen sollte sich die ledige Damenschaft nach ihm verzehren, doch stattdessen wurden die Köpfe zusammengesteckt, wenn Mr. O’Brians Name fiel. Unmerklich zuckten seine Schultern zusammen.
»Sie sind ja immer noch da«, brummte er und stapelte ohne sich umzudrehen weiter. So ein Arsch! Wütend richtete ich meinen Fokus auf einen Punkt zwischen seinen Schulterblättern. Aber ich entfloh nicht Chad Brunswicks Einfluss, um mich von Mr. Keenan O’Brian abwürgen zu lassen.
»Ihre Arbeiten sind grandios, Mr. O’Brian, und geradezu geschaffen für den Sommernachtstraum. Ich habe die technischen Zeichnungen im Büro von Mr. Andrews anfertigen lassen und Ihre Fähigkeiten würden dem Design den letzten Schliff geben. Ich habe Ihr Hinweisschild gesehen. Die Arbeit ist unglaublich.« Ich hoffte, damit den richtigen Ton zu treffen. Er war ein Künstler und Künstler hörten immer gerne, wie gut ihre Arbeit ankam. Unwillkürlich entspannten sich seine Schultern.
»Ein Sommernachtstraum? Shakespeare? Ist das nicht ein wenig zu opulent für eine Schulaufführung der ersten Klasse?« Okay, er reagierte völlig anders, als erwartet. O’Brian richtete sich zu seiner vollen Größe auf, streckte sich und drehte sich dann zu mir um. Die Arme verschränkte er abweisend vor der Brust. Seine dunklen Augen musterten mich mit einem neugierigen Funkeln. Okay, seine Aufmerksamkeit gehörte mir.
»Die Texte sind auf Kinder zugeschnitten, die Kostüme werden passend hergerichtet. Es soll eine amüsante Aufführung werden. Und uns fehlt nur noch die entsprechende Kulisse.« Ich vollführte eine umfassende Geste, die den ganzen Raum mit einschloss. »Ihr Zuhause ist wunderschön, Sie …«
O’Brians Miene verhärtete sich erneut. Der neugierige Zug verschwand aus seinem Blick und er ließ abrupt die Arme sinken. »Geh da sofort runter«, brüllte er und preschte an mir vorbei zur Veranda, wo Faith auf dem Geländer balancierte. Meine Augen weiteten sich vor Schreck, doch O’Brian erreichte sie und beendete die artistische Einlage. Faith quietschte erschrocken auf, doch als er sie über seine Schulter warf und zurück in die Hütte stapfte, ging ihr Schreien in euphorisches Kreischen über. Die Kleine kicherte noch begeistert, als er sie vor mir auf die Beine stellte. »Sie gehen jetzt«, knurrte er erneut.
»Mr. O’Brian«, empörte ich mich und legte meiner Tochter die Hände auf die Schultern, übte sanften Druck mit den Fingern aus, damit ihr klar wurde, dass sie sich benehmen musste, wenn wir zu ihm durchdringen wollten. »Wir würden uns wirklich freuen, wenn Sie die Kulisse entwerfen. Sie werden natürlich bezahlt«, schoss mein vorlautes Mundwerk hinterher. Spinnte ich denn? Die Schule besaß nicht einen Cent.
Zwischen O’Brians Brauen erschien eine steile Falte, als er mich interessiert musterte. Seine Züge glätteten sich und er schien neugierig geworden zu sein. »Sie wollen einen Handel?«
»Ähm …«, wich ich ihm aus, doch er schüttelte den Kopf.
»Geld ist für mich irrelevant.«
Nachdenklich kaute ich auf meiner Unterlippe herum und legte den Kopf in den Nacken, um ihm in die Augen sehen zu können, als er näherkam. »Was dann?« Das unheilvolle Glitzern in seinen Augen ließ mich schlucken. Ich hatte keine Angst, aber so ein großer Mann flößte mir eine gehörige Portion Respekt ein und die Art, wie er sich vor mir aufbaute, irritierte mich. Er wirkte eher wie ein Krieger, der sich für eine Schlacht rüstete, als ein Künstler, der so filigrane Holzarbeiten wie das Hinweisschild fertigte.
O’Brian bemerkte meine Unsicherheit und trat einen Schritt auf mich zu. Unwillkürlich wich ich zurück, bis ich Holz in meinem Rücken spürte. Faith schob ihren Kopf unter meinem Arm hindurch und musterte den großen Mann neugierig. Sie schien die gewaltige Kraft, die von ihm ausging, überhaupt nicht wahrzunehmen. Ich hingegen schon. Er stemmte seinen Arm über Faiths Kopf gegen einen Baumstamm und drängte seinen intensiven Blick in meine Pupillen. »Besorgungen, Erledigungen. Ich meide die Stadt. Und da Sie wahnsinnig genug sind, sich in meinen Wald zu wagen, nehme ich an, Sie scheuen sich keineswegs davor, das in Zukunft öfter zu tun.«
Perplex neigte ich den Kopf. Ich sollte für ihn einkaufen? Das bekam ich hin. »Okay.«
»Was?« Irritiert erwiderte er meinen Blick. Ich schmunzelte.
»Ich mache für Sie Ihre Einkäufe und Erledigungen und Sie fertigen das Bühnenbild für den Sommernachtstraum. Abgemacht?« Damit ein Handel galt, musste man ihn per Handschlag besiegeln. Also hielt ich ihm meine Rechte hin. Verständnislos starrte er auf meine ausgestreckte Hand.
»Sind Sie sicher? Ein Handel bedeutet Verpflichtungen. Sie dürfen sich um keinen Preis daraus zurückziehen und er gilt so lange, wie ich es für angebracht halte?« Eine Blankovollmacht … Irgendetwas tief in mir drinnen schickte mir eine Warnung, ein eigentümliches Gefühl, dass ich den Handel lieber ablehnen sollte, doch ich wischte es mit der Selbstsicherheit einer modernen Frau beiseite. Gefühle und Eingebungen setzte ich mit Aberglauben gleich. Und außerdem wollte ich den Schnepfen in der Schule beweisen, dass ich Mr. Keenan O’Brian zähmen konnte. Ha! Das Ziel rückte in greifbare Nähe. Ich musste einfach zustimmen.
»Natürlich. Ich mach es. Schlagen Sie ein?«
Ein überhebliches Grinsen mit einer Spur Arroganz setzte sich in seinen Mundwinkeln fest und er schenkte mir einen Blick, der mir unmissverständlich klarmachte, dass ich einen Fehler beging. »In Ordnung, junge Dame. Sie tun alles, was ich von Ihnen verlange und dafür fertige ich das Bühnenbild. Abgemacht.« Er wollte einschlagen, doch Faith zog meine Hand weg.
Verstimmt blickte ich auf meine Tochter, während O’Brian einen unwirschen Laut von sich gab. »Mit Spucke«, flüsterte meine Tochter, den großen Mann beobachtend. »Du kannst einen Handel nur mit Spucke besiegeln. Sonst ist er ungültig.«
Perplex blinzelte ich, bevor ich lächelte … und die Warnungen, die mir mein Unterbewusstsein schickte, in den Wind schlug. »Natürlich«, erwiderte ich, spuckte drei Mal in die Hand – genau wie O’Brian – und hielt ihm erneut meinen Arm hin.
Der grinste mich an, diesmal allerdings eine Spur weicher und ohne diese herablassende Arroganz. Als seine Hand in die meine klatschte, spürte ich ein seltsames Ziehen, doch das wurde von einem heftigen Gefühl des Ekels überlagert. Nass und feucht fühlte sich seine Rechte in der meinen an.
»Haben Sie etwa echt reingespuckt?« Ich tat nur so als ob.
O’Brian stieß ein tiefes Grollen aus, was wohl seiner Version eines heiteren Lachens entsprach. »Natürlich, genauso wie die kleine Lady es verlangt hat.«
»Das ist ja absolut widerlich«, stieß ich aus und wollte ihm meine Hand entreißen, doch er hielt sie fest und zog mich näher, so nah, dass ich seinen Atem auf meinen Lippen spüren konnte und nur mit knapper Not das Stöhnen, welches sich aus meinem Inneren nach oben schieben wollte, unterdrücken konnte.
»Und denken Sie daran, Liv, Sie gehören ab sofort mir!«
Erst, als wir uns auf dem Rückweg befanden, Faith vor mir her sprang und fröhlich sang, tröpfelte langsam die Bedeutung seiner Worte in meinen Verstand. Ein eisiger Schauer floss mir über den Rücken. Ich hatte ihm gar nicht meinen Namen genannt.

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